Deutschlands ganz spezielle Jobmessen
Es gibt Jobmessen für Wirtschaftswissenschaftler, Ingenieure, Finanzwissenschaftler, Juristen, Informationstechniker, Bauingenieure und Geisteswissenschaftler. Dass Deutschland aber auch ganz spezielle Karrieremessen beherbergt, wird den meisten weitgehend unbekannt sein.
Hoch politisch präsentieren sich, vermehrt in den letzten Jahren, Jobmessen mit dem Fokus auf Homosexuelle, Frauen, Migranten oder Fachkräfte über 40.
MILK – Jobmesse für Schwule, Lesben und Heteros
2010 fand sie zum ersten Mal in München statt, die Job- und Karrieremesse MILK. Es ist die größte Messe Europas, die sich auf die Vermittlung Schwuler und Lesben spezialisiert hat. Auch Heteros sind durchaus willkommen, will MILK doch auf die noch immer nachhinkende sexuelle Gleichberechtigung aufmerksam machen. 2011 ist MILK umgezogen, wie könnte es anders sein, nach Berlin. Ihren Namen bezieht sie übrigens von Harvest Milk, dem ehemaligen Bürgermeister von San Francisco und großem Vorbild der beiden Gründer Anders Wikberg und Stuart B. Cameron. 54 Unternehmen nahmen in diesem Jahr an der Messe Teil, darunter die Großen wie die Deutsche Post, IBM oder die Deutsche Telekom. Dabei hat sich die Ausstelleranzahl innerhalb eines Jahres verdreifacht. Die Unternehmen erhoffen sich von ihrem Auftritt auf der Karrieremesse für Schwule, Lesben und Heteros, wie sich MILK selbst bezeichnet, die Förderung der Mitarbeitervielfalt über sexuelle Grenzen hinaus. Natürlich hat die Teilnahme auch einen gewissen Einfluss auf das Firmenimage durch die Präsentation der Unternehmen als tolerante und moderne Arbeitgeber.
Dabei verfolgt MILK ein sehr erstrebenswertes und hoch politisches Ziel, einen liberalen Umgang mit dem Thema Homosexualität am Arbeitsplatz. Es gibt positive Erfahrungsberichte die besagen, dass sich das Coming-Out am Arbeitsplatz sogar auf die Leistung und Konzentration auswirkt und insgesamt die Lebensqualität verbessert. Ein Coming-Out kann aber auch den Weg nach oben schwierig gestalten. Homosexuelle stoßen immer noch auf nicht-liberale Ansichten und scheitern an den geistigen Strukturen ihrer Arbeitgeber. Vor allem in alteingesessenen Führungsetagen ist das Konzept der Liberalität vielfach noch nicht angekommen.
Alleine? Keineswegs!
In die gleiche Richtung wie MILK arbeiten „woman&work“, die Karrieremesse für Frauen in Bonn, „Job-Kontakt“, die Jobmesse für Migranten in Hamburg, die „Jobmesse für Menschen mit Behinderung“ in Dortmund oder „job40plus“, die Karrieremesse für Top-Kräfte mit Erfahrung in München. Die Veranstalter und teilnehmenden Unternehmen stellen sich der Herausforderung, mithilfe einer Jobmesse auf beruflich benachteiligte Bevölkerungsgruppen aufmerksam zu machen. Die Karrieremessen eint das gemeinsame Ziel von Vielfalt und Gleichberechtigung in der Arbeitswelt.
Diversity als Antriebsmotor
Das Problembewusstsein für Ausschlussmechanismen spiegelt sich auch in dem Konzept Diversity Management wieder. Dabei beschäftigen Unternehmen sich vermehrt mit der Frage, wie sich die gesellschaftliche Vielfalt adäquat behandeln und zu ihrem Vorteil nutzen lässt. Erstes Ziel des Diversity Management ist dabei eine heterogene Belegschaft in Hinblick auf Alter, Geschlecht, Ethnie, Lebensstil, Religion oder eben sexuelle Ausrichtung. Der zweite Schritt ist die optimale Nutzung dieser Mitarbeitervielfalt. Diversity Management geht nämlich davon aus, dass eine Sensibilisierung gegenüber jedweder Art von Vielfalt nicht nur nach innen (also ins Unternehmen) sondern auch nach außen Toleranz und Offenheit fördert. Diese Tendenz wird schließlich auch zum treibenden Wirtschaftsfaktor, denn ein Umfeld der Offenheit zieht nicht nur Arbeitnehmer, sondern auch Unternehmen an. Mit Diversity wird man aber natürlich nicht automatisch zu einem erfolgreichen Unternehmen. Die Firmen müssen für sich entscheiden, in welchem Umfang und in welchen Bereichen Diversity für sie sinnvoll ist.
Ab nach Toleranz
Jobmessen wie MILK, woman&work oder Job-Kontakt leisten einen Beitrag zu mehr Toleranz und Offenheit in der gesamten Gesellschaft. Denn auch diese entdeckt zunehmend das Potenzial das in der Verschiedenheit schlummert. Bis zur flächendeckenden Verwirklichung wird aber noch Zeit ins Land gehen. Aber die Tatsache, dass die Wirtschaft die Potenziale vielfältiger Teams entdeckt, trägt glücklicherweise zu einem schnelleren Wandel bei. Auch wenn die Staubschicht in vielen Führungsetagen noch weg muss, der Karren ist ins rollen gekommen.
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